Ein Herz für Brühldorf

Es begab sich ach vor langer Zeit in einem kleinen Dorf im Rheinlande, beschaulich auf halbem Wege zwischen Cölle und Bonn gelegen, umgeben von blühenden Apfelplantagen und Spargelreihen, dass dort ein neuer Regent aus den Reihen der Schlossgarde durch die seit mindestens drei Generationen dort eingeborenen Untertanen gekürt wurde.

Aus einem Guss solle die Entwicklung des Fleckens vor sich gehen, so das Leitmotiv der Regierungszeit unseres jungen Regenten.

Um bereits im ersten Jahr allen Untertanen und auch den Händlern am Markt Gutes zu tun und das Herz zu erfreuen, wurden in Zusammenarbeit mit einer Schule für die edle Kunst des Schweißens, Ständer gebaut, deren Sinn sich nicht sofort erschloss.

Überall im Stadtbild gab es in einem matten Metallton gehaltene dreietagige und äußerst filigrane Konstruktionen zu bewundern.

Der Sinn erschloss sich erst, als nicht nur alle Rathausfenster sondern nunmehr zusätzlich auch diese überall verteilten Ständer mit den jedes Herz erfreuenden Geranien bestückt wurden. In Erinnerung an vergangene Tage leuchteten die Blüten rot in der sattgrünen Pflanze.

Von soviel Anmut angesprochen fühlten sich sofort auch zwei wackere Vertreter des eigentlich für die heimelige Gestaltung von Gärten zuständigen Zwergenvolkes. Mäxchen und Klein-Ernsti – so wurden sie liebevoll genannt - beschlossen, dem Regenten zu helfen beim Schutz der ganzen Blütenpracht.
Gesagt getan: ganz in der Tradition militanter Umweltschützer ketteten sich die beiden an den Geranienständer, der unmittelbar am Rathauseingang direkt neben den wasserspeienden Fröschen platziert war.

Nun hätte alles gut sein können. Diese Geranienfülle wäre die richtige Grundlage für die Stadtentwicklung aus einem Guss gewesen. Egal, wie es drunter aussieht, ob neumodischer Beton oder morsches Fachwerk, überall davor oder darauf ein wenig Geranien und die Welt sähe direkt viel heimeliger aus und die Brühlerinnen und Brühler würden ihr Leben in Freude und Herzlichkeit leben.

Aber es sollte anders kommen: Statt sich über die Hilfe der Zwerge zu freuen, legten verunsicherte Dienstboten des Regenten auf dem Weg zum Rathaus die angeketten Zwerge einfach um und versteckten sie hinter Geranien. Doch da konnten Mäxchen und Klein-Ernsti nur drüber lachen und stellten sich, als niemand zusah, einfach wieder hin.

Tags drauf wurde dann aber mit gröberem Gerät nachgeholfen. Die Ketten, mit denen sich unsere wackeren Geranienfreunde an die Geranienständer angekettet hatten, wurden getrennt. Mäxchen und Klein-Ernsti wurden in eines der Dienstbotenzimmer verbannt.

Da beschlossen sie ganz bitter Rache zu nehmen.

Wer heute sehenden Auges durch Brühl schlendert, merkt die Auswirkungen ihrer Rache sofort.

Ist irgendwo noch eine einzige Geranie zu sehen? Weder am Rathaus, noch vor dem Rathaus, weder auf dem Markt noch in der Uhlstraße, der Kölnstraße, dem Bermudadreieck oder dem Schloss sind sie zu entdecken.

Doch viel schlimmer als der Umstand, dass keine Geranien mehr die Herzen der Brühlerinnen und Brühler erfreuen, ist, dass all die neu errichteten Gebäude so völlig lieb- und leblos daherkommen, ob Franziskanerhof-Ensemble als Heimstatt der Grauen Herren, oder die Giesler-Galerie: All diese Gebäude vertragen keine Geranien.

So haben die Brühlerinnen und Brühler also ein Stück Heimeligkeit verloren, weil sie die Hilfe des Zwergenvolkes ganz hochnäsig zurückgewiesen haben.

Was lehrt uns die Geschichte:

Unterschätzt die Zwerge nicht, niemals!