BORTLISZ-DICKHOFF: Bürgermeister, wenn du willst.

Auch die Brühler Grünen ließen sich weichklopfen und gehen mit Johannes Bortlisz-Dickhoff in das Rennen um das Bürgemeisteramt. Warum, das beantwortet das Interview aus dem letzten brühlgrün:

bg: Warum taten sich die Grünen so schwer, sich zur Beteiligung an der Bürgermeisterwahl durchzuringen?

bortlisz: Zum einen gab und gibt es die Befürchtung, mit dem eigenen Kandidaten den SPD-Gegenkandidaten zum CDU-Bürgermeister zu schwächen, zum anderen die Befürchtung, dass die Wählerinnen und Wähler den Grünen nicht zutrauen, das Bürgermeisteramt erobern zu können. Ich meine, wir sollten uns davon unabhängig machen, wen die SPD als Kandidaten vorschlägt und eigenständige und selbstbewußte Entscheidungen treffen. Die Leute trauen nicht nur CDU- oder SPD-Kandidaten das Bürgermeisteramt zu. Dafür gibt es hinreichende Beispiele. Ich setze darauf, dass die Bürgermeisterwahl eine Persönlichkeitswahl ist, und hoffe auf Unterstützung in und außerhalb der Partei.

bg: Warum sollten die Brühlerinnen und Brühler dich zum Bürgermeister wählen?

bortlisz: Die Geschicke der Stadt werden zwar grundsätzlich vom Stadtrat bestimmt, deswegen sollten wir einen engagierten Wahlkampf führen und möglichst viele Ratsmandate erobern. Für die tägliche Arbeit und die Umsetzung von Beschlüssen ist aber der Bürgermeister als Verwaltungschef wichtiger. Daher sollten wir den Wählerinnen und Wählern die Möglichkeit geben, auch hier nachhaltige Politik zu machen. Wenn sich beim Bürgermeister soviel Beratungsresistenz ansammelt, wie bei Michael Kreuzberg, der noch nicht einmal auf die eigenen Leute in der Verwaltung hört, kann das für Brühl sehr unangenehm werden. Die Bebauung des Giesler-Geländes darf nicht nach den Vorgaben der Investoren allein erfolgen. Hier haben die Einzelhändler der Innenstadt ebenso berechtigte Einwände wie die Bewohnerinnen und Bewohner, die weiteren Verkehrslärm fürchten. Planung mit den Menschen und nicht gegen sie, Führung mit den Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern und nicht gegen sie, effiziente und sparsame Mittelverwendung und ökologische Nachhaltigkeit sind die Markenzeichen meines Amtsverständnisses.

bg: Glaubst du denn wirklich, dass ein grüner Kandidat bei wichtigen Zielgruppen des CDU-Bürgermeisters punkten kann, denn nur dann ist doch die Wahl zu gewinnen?

bortlisz: Gerade die engagierten Leute in der Kirche wissen ganz genau, dass engagierte Leute in der Politik vor allem bei den Grünen zu finden sind. Ich gehöre zu den grünen Politikern - und das sind nicht wenige - die in der christlichen Jugendarbeit groß geworden sind. Wer als Katholik ohne Probleme und kritiklos dem Papst und der CDU hinterher läuft, der hat was nicht verstanden von der Botschaft des Jesus von Nazareth. Mir ist beispielsweise völlig schleierhaft, wie man nach den Erfahrungen mit dem Dritten Reich und mit dem DDR-Spitzelwesen allen ernstes von den Kirchgängern erwarten kann, Geistliche zu denunzieren, die mit dem Kollegen von der anderen Konfession ein gemeinsames Abendmahl feiern. Mir ist auch völlig schleierhaft, warum die CDU die Türkei aus der Europäischen Union heraus halten will. Wir brauchen in Europa, in Deutschland und in Brühl eine Verständigung mit einem säkularen Islam, also mit gläubigen Muslimen, die den Gottesstaat der Ayatollas und Fundamentalisten ablehnen.

bg: Wo siehst du denn die zwei oder drei wichtigsten Aufgaben für die nächsten fünf Jahre?

bortlisz: Für Brühl zentral wichtig ist die Frage der Innenstadtentwicklung. Nur eine funktionsfähige Innenstadt hält die Stadt finanziell und kulturell am Leben und gibt ihr eine Identität. Starke Ortsteile müssen sein, sie dürfen auch nicht vernachlässigt werden, doch die Innenstadt ist das Herz. Es muss funktionieren. Hier wird gelebt, gekauft, gefeiert, Kultur gemacht, genossen, konsumiert. Wir brauchen ein gemeinsames Leitbild: Wohin mit Brühl? Die Innenstadt ist wichtig, aber nicht alles. Wer will, dass die Stadt lebt, muss für Mobilität sorgen. Da die Hälfte aller Brühlerinnen und Brühler nicht ständig über ein Auto verfügt, müssen wir dafür sorgen, dass wir für das Radfahren und mit dem Stadtbus ein so attraktives Angebot machen, dass Brühl tatsächlich ohne Auto mobil ist. So hasenfüßige Entscheidungen wie beispielsweise die Ablehnung der Verbesserung des Busangebotes im Brühler Süden können wir uns nicht leisten. 15.000 Euro für die Verbesserung der Busverbindungen im Brühler Süden waren der CDU zu teuer, dafür gibt sie lieber 80.000 Euro für die Begrünung schon begrünter Kreisverkehre aus, um die Brühler Gärtner in einen Schönheitswettbewerb zu schicken (Wer kann die schönste Geranie?). Die dritte wichtige Aufgabe ist der Bildungsbereich. Ich bin froh, dass sich mit der Franziksusschule die erste Grundschule zur offenen Gantagesgrundschule mausern will. Wer will, dass qualifizierte Frauen im Job bleiben, muss dafür sorgen, dass die Kinder ganztags im Kinderngarten, in der Grundschulue und den weiterführenden Schulen qualifiziert betreut werden. Hier sind wir mit der Gesamtschule und der offenen Ganztagesgrundschule auf dem richtigen Weg.

bg: Du hast vorhin so nebenbei das Max-Ernst-Museum erwähnt. Dies ist ja bei den Grünen nicht ganz unumstritten.

bortlisz: Wohl wahr. Viele meiner Fraktionskolleginnen und -kollegen hegen die Befürchtung, dass wir uns vor allem mit den Betriebskosten für das Museum und den Veranstaltungssaal einen Klotz ans Bein binden, den wir nicht bewältigen können. Ich meine, dass wir als Stadt keine andere Möglichkeit haben, als uns auf das Wagnis Museum einzulassen. Wenn die Geburtsstadt eines Künstlers mit dem Rang von Max Ernst die Chance hat, seine Skultpturen fast völlständig zu versammeln, muss sie dies tun. Ob mit dem Museum ein finanzielles Fiasko fast zwangsläufig erfolgt, wie von einigen befürchtet, oder ob wir Gestaltungsmöglickeiten und sogar Zukunftschancen haben, hängt davon ab, ob wir kleinkrämerisch oder visionär mit dem Thema umgehen.

bg: Es gibt mit dem Phantasialand eine recht herbe Herausforderung für einen grünen Politker als Bürgermeister. Das Phantasialand will sich aus betriebswirtschaftlichen Grünen immer weiter ausdehnen, ein grüner Bürgermeister müsste sagen: mit mir nicht im Landschafts- oder Naturschutz. Wie soll das ausgehen?

bortlisz: Grundsätzlich bietet Mutter Erde nur einen insgesamt beschränkten Raum, auf dem sich der Mensch bewegen kann. Der Mensch teilt diesen Raum mit anderen Lebewesen. Das ist gut so und darf nicht missachtet werden. Für Brühl heißt diese, dass wir hier Bereiche des Natur- und Landschaftsschutzes festgelegt haben, die einer intensiven Nutzung entzogen sind. Im Bereich  des Phantasialandes sind dies die Flächen jenseits der alten Bundesstraße, die unter Landschaftsschutz stehen, und das sogenannte Naturschutzdreieck. Dies Gebiete müssen grundsätzlich tabu für den flächenverbrauchenden Freizeitpark sein. Ingesamt muss das Phantasialand selbt Planungen verfolgen, die dem Umstand gerecht werden, dass die Fläche begrenzt, die Larmemissionen beschränkt und Parkplätze nicht grenzenlos verfügbar sind. Eine bessere Anbindung an die Schiene - warum nicht mit einer Magnetschwebehabn am Rande der Autobahntrasse - halte ich ebenso wenig für utopisch wie eine phantasievolle Einmischung des Freizeitparks in die Stadt. Warum soll ein Bahnhof nicht die erste Attraktion im Rahmen eines Phantasialandbesuchs sein?

bg: Ein schwieriges Thema ist auch die Kunst- und Musikschule. Die Stadt leistet sich diese Einrichtung trotz eines erheblichen Zuschussbedarfs.

bortlisz: Um es einmal vornehm auszudrücken: Mein Eindruck ist, dass die Kunst- und Musikschule eine verschworene Gemeinschaft ist, die sehr gute Arbeit leistet und den Charakter Brühls als Kulturhauptstadt des Kreises festigt. So weit das Positive. Die Schule findet aber überhaupt keinen Zugang zum Thema "wie betreibe ich eine Kunst- und Musikschule betriebswirtschaftlich vernünfig". Es ist ja nicht nur so, dass die Schule einen Zuschuss von jährlich um die 400.000 Euro erhält, sonderan auch das Gebäude selbst umsonst zur Verfügung gestellt bekommt, wie die anderen städtischen Schulen auch. Nur: die Kunst- und Musikschule ist keine Pflichtveranstaltung der Stadt und muss sich gefallen lassen, wenn gefordert wird, sie effizienter zu gestalten. Möglicherweise zeigt ein notwendiges Gutachten, wie eine Privatisierung so gestaltet werden kann, dass keine Qualitätseinbußen passieren. Warum sollen wir den Kulturbereich mit Kunst- und Musikschule, die Kulturveranstaltungen und den Tourismusbereich nicht in eine stadteigene Gmbh oder Ähnliches auslagern?

bg: Besten Dank.