Grafitti in Brühl

Ist ein "Schlesinger" eine "wilde Schmiererei"?

Anlässlich der Frage - wie halten wir es mit der Gestaltung der Unterführung in Brühl-Mitte - setzte sich der Brühler Rat, der Kulturausschuss und der Verkehrsausschuss sowie die Verwaltung im Jahr 2002 mit dem Thema "Graffiti" auseinander.

Die Fraktion der Saubermänner nahm die Thematik der Angst-Räume hinsichtlich der Unterführung auf und forderte, neben den zweifelsohne sinnvollen Maßnahmen wie das Anbringen von Spiegeln, besserer Beleuchtung und Verlegung der Handläufe auf die Seiten, auch die Entfernung der Graffitis und die Aufbringung eines hellen und "natürlich-farbenden" Schutzanstriches.

Darüber hinaus legte die Verwaltung - aufgrund einer Anfrage der Egal-wie-wir-wollen-Spaß-Partei - ein sogenanntes "Anti-Graffiti-Konzept" vor, das neben einem Maßnahmenpaket, über das eine vernünftige Auseinandersetzung möglich sein muss, auch Einordnungen der "Täter" vornimmt, auf die ich mit den inkriminierten Bezeichnungen "ideologisch motiviertes rechtes Rumgeseiere" reagierte.

Wörtlich heißt es: "Wilde Schmierereien beeinträchtigen das Stadtbild und damit das subjektive Sicherheitsgefühl der Bewohner und Besucher. Schon für sich alleine sind sie ungewollt und erst recht nicht als "Initialzündung" für weitere Beeinträchtigungen." (Gemeint ist wohl, dass sie ungewollt sind und als "Initialzündung" für weitere Beeinträchtigungen abgelehnt werden.)

Unterlegt wird die These von der Initialzündung (Graffitis lösen etwas aus) mit der "augenscheinlich richtigen" "broken-Windows"-Theorie: das eingeworfene Fenster zieht Dreck an. Zigarettenkippen, Getränkedosen, Schmierereien bleiben nicht allein, sondern vermehren sich. "Dreckecken vergrößern sich schnell".

Aufgeregt habe ich mich über den dann folgenden Absatz (die Bemerkungen in den Klammern sind von mir):

"Wilde Schmierereien als "Kunst" oder Jugendkultur" zu beschönigen, hilft in der Sache nicht weiter. Dem Sprayer geht es weder um Stadtbild- oder Objektverschönerung, noch will er dem Geschädigten mit seinem Werk einen Gefallen tun. Wäre er selbst sich nicht der Illegalität (!) seiner Taten (!) bewußt, würde er offen arbeiten und nicht versuchen, in der Öffentlichkeit - und der Polizei gegenüber - als Person unerkannt zu bleiben. Dem Täter (!) geht es alleine (!) um Ruhm und Anerkennung in der Szene, er benutzt rücksichtlos (!) das Eigentum Dritter zum Erreichen seines egoistischen (!) Zieles."

Soweit das Zitat. Wilde Schmiereien haben also mit Kunst oder Jugendkultur nichts zu tun. Der Sprayer ist ein rücksichtsloser, egoistischer Täter, der aus niederen Beweggründen, nämlich Ruhm und Anerkennung in der Szene, seine Opfer hinterrücks und bewußt anonym schädigt. Als Initialzündler ist er darüber hinaus noch dafür verantwortlich, dass Zigarettenkippen und Bierdosen auf die Straße geworfen werden und wild plakatiert wird.

Damit ist klar: Graffiti hat nie mit Kunst oder Jugendkultur zu tun, bemüht sich nie um Stadtbild- oder Objektverschönerung, ist immer aus niederen Beweggründen "egoistisch" motiviert, ist immer hinterhältig und verführt die Raucher und Biertrinker zur illegalen Restmüllentsorgung.

Das ist doch einfach ziemlich schlicht gedacht - oder nicht?

In der Vorlage folgen jetzt Maßnahmenpakete - über die, wie gesagt, vernünftig gesprochen werden kann und die nicht Gegenstand meiner Kritik waren.

Später jedoch folgen widerum völlig unreflektierte Entgleisungen. Zitat: "Der Kampf gegen die wilden Schmierereien läßt (falsche Schreibweise im Original) sich aber dauerhaft nur gewinnen, wenn man die Absichten (!) der Täter (!) kennt und durchkreuzt. Dem Täter (!), dem es, wie oben bereits erwähnt, alleine (!, also ausschließlich) um Ruhm und Ehre in der Szene geht, kann die Lust auf neue Taten am ehesten verleidet werden, wenn seine Schmierereien keinen Bestand haben. Idealerweise würde die Beseitigung (!) schon am nächsten Morgen erfolgen, so bleiben ihm Ruhm und Anerkennung in der Szene verwehrt." Und später: "Will man diese Schmierereien im gesamten Stadtbild eindämmen (!, der Dammbruch droht, die ganze Stadt wird zugemüllt!), ..., müssen alle ... mitmachen."

Die Stadt und andere öffentliche Einrichtungen hätten dabei eine Vorbildfunktion. Insbesondere der Erftkreis und der Landesbetrieb Straßenbau müssen aber noch von der "Stimmigkeit des Konzeptes" überzeugt" werden, "denn nicht alle sind bis jetzt der gleichen Meinung, beispielsweise ... hält der Erftkreis an der K7 ein Brückenbauwerk vor, welches legal besprüht werden darf und daher den Sprayern legale Übungsmöglichkeiten bietet, toleriert dar Landesbetrieb Straßenbau aus finanziellen Gründen das Besprühen des Brückenbauwerkes Theodor-Heuss-Straße / Talstraße, solange dort keine rechtsradikalen Parolen geschmiert werden."

Öffentliche Institutionen dürfen also, nach dieser Vorlage, keine legalen Sprayflächen vorhalten, da sie damit dem illegalen Sprayen Vorschub leisten, das wiederum für die Zigarettenkippen und Bierdosen auf den Straßen, Plätzen und Autobahnkreuzen verantwortlich ist.

Soweit, so schlecht. Ich finde die Argumentation zu eindimensional, sie lädt Probleme wie das Zumüllen der Stadt bei einer Gruppe ab, die damit zu ausschließlich egoistischen und aus niederen Motiven handelnden Straftätern gemacht werden.

Damit wird man weder den Menschen, die unter anderem auch Sprayen, noch dem Problem der umherliegenden Zigarettenkippen und Bierdosen, noch dem Problem des nicht erlaubten Plakatierens gerecht. Es gibt auch in Brühl Dreckecken, wo weit und breit kein Graffiti zu sehen ist. Wer aber eine falsche Analyse des Problems macht, wird nicht erfolgreich handeln können.

Es gibt bei den Graffitis, die eben nicht alle über einen Kamm geschoren werden können, auch solche, die auf Flächen gesprüht werden, die ohne eine weitere künstlerische Bearbeitung so trostlos sind, dass sie geradezu nach einem "Wundpflaster" rufen. Die beiden oben dargestellten Brückenbauwerke (K7 am Schulzentrum Süd und L184 über der Talstraße) sind so Bauten, die ohne Gestaltung eine noch größere ästhetische Zumutung sind, als mit Gestaltung.

Daher verbietet sich jede pauschale Beurteilung und arrogante Maßregelung anderer Meinungen. Beipielsweise sind neben vielen anderen auch die Verantwortlichen des Erftkreis stolz auf ihre "Banane" und würden nicht im Traum drauf kommen, sie als "Schmiererei" zu "entfernen".

Pikant wird die Sache aber gerade in der Unterführung Brühl-Mitte, in der sich die gesamte Argumentation der Vorlage selbst ad absurdum führt.

Vor langer, langer Zeit, am Ende des letzten Jahrtausends, gab es in Brühl einen begnadeten Künstler - nein diesmal ist nicht von Max Ernst die Rede - der sich in der "egoistischen" Szene unter dem Namen "king pin" einen Namen machte und später in New York als einer der besten Graffiti-Künstler überzeugte. King pin brachte unter anderem in der Unterführung Brühl-Mitte beispielsweise die noch in Fragmenten erkennbare Spinne (inzwischen übermalt) an. Auch in diesen grauen Vorzeiten gab es in Brühl schon weise Stadtväter, die die Stadt vor diesen "Schmierereien" schützen wollten. Sie kamen auf die kluge Idee, einen in ihrer eigenen Szene anerkannten Künstler - den Herrn Schlesinger - damit zu beauftragen, auf der östlichen Seite der Unterführung sein berühmtes Graffiti "Einkaufswagen schiebende Brühler Markt Besucherinnen und Besucher" aufzubringen. "Schmierereien" wurden also durch "Kunst" ersetzt. Ich persönlich finde diese gewollt naive Darstellung von Alltagshandeln nicht sehr originell, sondern eher weniger gelungen, aber sei's drum, hier hat sich eine Szene, nämlich die, die den Begriff Kunst kraft Wahlerfolg legitim definieren darf, gegen eine andere Szene durchgesetzt, die eben nicht über die Möglichkeit verfügt, ihre Arbeiten als Kunst anerkannt zu bekommen, sondern sich eben aus Schmierfinken zusammensetzt.

Ist die Arbeit von Schlesinger kein Graffiti? Ist sie keine egoistische Schmiererei, die Müll produziert und Nachahmer herausfordert?

Ist Schlesinger also ein Schmierfink - ja oder nein? Ich empfehle die Antwort Nein. Schlesinger ist Künstler, dessen Werke mir halt nicht gefallen, muss auch nicht.

Aber wenn Schlesingers Graffitis Kunst sind, ist nicht jede Graffiti eine Schmiererei.

Daher ist die Vorlage zum Anti-Graffiti-Konzept ideologisch motiviertes rechtes Rumgeseiere und tut nichts zur Lösung der Ärgernisse, die insbesondere darin bestehen, dass private Hauseigentümer immer wieder die Fassade ihrer Häuser reinigen und renovieren lassen müssen. Diese Menschen brauchen Unterstützung, die Versicherungen sollten vernünftig zahlen, die Anstriche so gestaltet werden, dass sie zu reinigen sind und wenn die Sprayer erwischt werden, sollten sie zu Bußgeldern und in Anlehnung an den sogenannten "Täter-Opfer-Ausgleich" als Auflage erhalten, in Abstimmung mit den Eigentümern die Fassade wieder in Ordnung zu bringen. Wenn sie nun tatsächlich Künstler sind, sind sie möglicherweise in der Lage, sich mit dem Eigentümer über eine Gestaltung zu einigen, die diesem sogar gefällt. Es könnt ja sein, dass sich hier ein kleiner Schlesinger oder ein größerer king pin verewigen (?!) wollte.

Vor allem sollten wir nicht mit Kanonen (egoistische Täter) auf Spatzen schießen. Wände beschmieren darf nicht härter bestraft werden, als beispielsweise mit 80 an Kindergärten vorbei zu heizen.



Graffiti Brühl-Mitte

Ein kleine Fotodokumentation soll die Erinnerung wach halten an einen Brühler Künstler, der in New York als einer der größten Graffiti-Künstler gilt. Er kam in seiner Geburtsstadt - der Max-Ernst-Stadt - Brühl nicht nur nicht zu ehren. Nein: die bürgerlichen Parteien CDU, FDP und BVB ließen die Flächen, auf denen die dokumentierten Originale waren mehrfach und ausgiebig überstreichen.

Dafür, auch dafür weiter unten ein Beispiel vom Trauerzug einkaufender Brühlerinnen und Brühler in Umrissen, wurde der Brühler Haus- und Hofkünstler Schlesinger damit beauftragt, ein "Kunstwerk" zu schaffen, das auch heute noch Bestand hat, weil der Künstler Schlesinger ansonsten Schadensersatzansprüche geltend machen kann. Der passende Kommentar am Ende: "Es reicht Schlesinger".